Nachts auf der Elbe – Unterwegs mit einem Elblotsen

Sonntag, 01.12.2008, 00:30 Uhr – es geht los
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Langsam nähert sich der Lotsenversetzer „Lotse 2“ der „Sluisgracht“. Das 172 m lange und 25m breite Frachtschiff mit seinen drei Bordkränen hat bereits vor einigen Minuten den Liegeplatz im Hamburger Hafen verlassen und wartet auf den Elblotsen. Bei Temperaturen von knapp über 0°C erklimmt der Lotse Mario I. die Lotsentreppe und anschließend die 6 Stockwerke bis zur Brücke.

Dort wird er bereits vom Hafenlotsen erwartet, der sich nach einer kurzen Übergabe und Nennung der wichtigsten Schiffsdaten (Tiefgang, Zielort, …) verabschiedet. Wenige Minuten später legt der Lotsenversetzer ab und die Fahrt in Richtung See beginnt. Für die nächsten Stunden wird Mario I. die Sluisgracht bis nach Brunsbüttel lotsen, wo der nächste Lotsenwechsel ansteht.

00:44 Uhr – Reviereintrittsmeldung
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„10 knots, please, Course 287°“ lautet die Anweisung an den Rudergänger. Kompass und Radar immer im Blick gibt der Lotse hin und wieder Anweisungen zur Kurskorrektur. Höhe Tinsdal wird es Zeit für die Reviereintrittsmeldung. Mario I. greift er zur Funkgerät und meldet das Schiff bei der Verkehrszentrale in Brunsbüttel „mit 15 Mann nach See“.

01:05 Uhr – Lagemeldung
Jede Stunde um 5 nach sendet die Verkehrszentrale in Brunsbüttel (Brunsbüttel Elbe Traffic) die Lagemeldung. Neben Wetterdaten, Sicht- und Tidemeldungen wird die Schifffahrt auch über die Verkehrslage auf der Elbe und über Ankerlieger und die Pier-Belegung informiert.

01:33 Uhr – auf der Elbe
Die Sluisgracht hat Hamburg inzwischen verlassen. Es ist stockdunkel. Als Orientierung dienen jetzt die beleuchteten Fahrwassertonnen, die Richtfeuer und das wichtigste Navigationsinstrument: Das Radar.

03:00 Uhr – Störmündung
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Die Sluisgracht befindet sich inzwischen in Höhe der Störmündung. Von hier ist es noch ca. 30 Minuten bis Brunsbüttel. Über Funk informiert Mario I. 20 Minuten vor Erreichen der Lotsenstation den Seekollegen in Brunsbüttel. Dieser ist nun abgeteilt und macht sich auf den Weg zum Lotsenversetzer.

Langsam wird die Sicht schlechter. Aus der Verkehrszentrale und von nachfolgenden Schiffen ist zu erfahren, dass langsam Nebel aus Richtung Hamburg die Elbe entlang zieht. Der Lotse informiert den Kaptän der Sluisgracht über den heraufziehenden Nebel
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03:25 Uhr – Lotsenwechsel in Brunsbüttel
Höhe Brunsbüttel ist die Fahrt von Mario I. auf der Sluisgracht zu Ende. Ab hier übernimmt der Seekollege die weitere Fahrt in Richtung See. Er wird vom Lotsenversetzer „Kapitän Kircheiss“ gebracht, der inzwischen längsseits gegangen ist.

Wie bereits beim Lotsenwechsel in Hamburg erfolgt auch hier eine kurze Übergabe bevor Mario I. das holländische Frachtschiff über die Lotsenleiter verlässt. Im Lotsenversetzer geht es dann Richtung Brunsbüttel zur Lotsenstation.

04:00 – Lotsenstation Brunsbüttel
Auf der Lotsenstation in Brunsbüttel führt der erste Gang in die Einsatzzentrale. Von hier aus werden alle Aufträge / Vergaben und Einsätze koordiniert und mit der Zentrale in Hamburg abgestimmt. Ein Blick auf die Tafel zeigt: Wir sind Nummer 6. Ein paar Stunden Schlaf könnten also noch drin sein – wenn da nicht der Nebel wäre…

Ein paar Minuten später klingelt das Telefon. Die Verkehrszentrale in Brunsbüttel bestellt 5 Lotsen zur Radarberatung. Damit rückt Mario I. auf Platz 1 vor. Schlaf fällt also aus…

Die Radarberatung ist eine weitere Aufgabe der Elblotsen. Bei Nebel oder verminderter Sicht, sowie auf behördliche Anforderung (z.B. bei außergewöhnlich großen Fahrzeugen (AGF)) werden die Radarberatungsplätze in derVerkehrszentrale Brunsbüttel von Elb-Lotsen besetzt. Die Radarschirme überwachen den gesamten Teil der Elbe. Über Funk beraten die Lotsen dann die Schifffahrt auf der Elbe.

Während seine Kollegen sich auf den Weg in die Verkehrszentrale machen, bereitet Mario I. sich auf sein nächstes Schiff vor. Die „Blexen“ befindet sich im Nord-Ostsee-Kanal kurz vor der Schleuse Brunsbüttel. Zielort wird der kleine Hafen „Bützfleth“ bei Stade sein.

05:00 Uhr – kleine Schleuse Brunsbüttel
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Langsam schiebt sich die 100m lange und 16m breite „Blexen“ Kleine Schleuse von Brunsbüttel, wo sie bereits von den Festmachern erwartet wird. Anstatt der Lotsenleiter führt diesmal eine Gangway an Bord. Das Ziel der Reise ist der kleine Hafen Bützfleth bei Stade.

Auf der Brücke wird Mario I. vom Kapitän der „Blexen“ und vom Kanal-Lotsen begrüßt. Dieser hat das Schiff die letzten Stunden bereits durch den Nord-Ostsee-Kanal gelotst und verlässt nun in Brunsbüttel das Schiff.

05:26 Uhr – es geht los
Langsam öffnen sich die Tore der Schleuse. Von der Nock aus manövriert der Kapitän der Blexen das Schiff vorsichtig auf die Elbe. Bis zur Mauer der Schleuse sind es auf beiden Seiten nur wenige Meter. „Denken Sie sich die Mauern einfach weg“ ermuntert Mario I. den Kapitän, der mit einem freundlichen Lachen reagiert. Das Eis ist gebrochen. „Wenn man an Bord eines Schiffes kommt hat man nur wenige Augenblicke um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen“ erklärt Mario.

Noch beim Verlassen der Schleuse bereitet der Lotse den Kapitän auf die weitere Reise vor. Es wird mit dichtem Nebel gerechnet und das Anlegemanöver im Hafen Bützfleth wird bei Nebel und Strömung nicht ganz einfach werden.

Über Funk meldet er sich bei „Brunsbüttel Elbe Traffic“ und kündigt das Verlassen der Schleuse an (Reviereintrittsmeldung).

Anschließend schaltet Mario I. auf den entsprechenden Radarkanal, um weitere Informationen zu erhalten. Zur Zeit gibt es keinen Verkehr auf der Elbe und ein queren des Fahrwassers ist gefahrlos möglich. Langsam nimmt die Blexen Fahrt auf und wenige Minuten später ist der Nebel so stark, dass kaum mehr als 100 Meter Sicht sind.

05:30 Uhr – Fahrt im Nebel
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Das Licht auf dem vorderen Mast der Blexen ist teilweise nicht mehr zu sehen. Die Sichtweite beträgt damit weit unter 100m. Das wichtigste Navigationsinstrument ist jetzt das Radar. Über Funk kommen regelmäßig Informationen vom Radarlotsen aus Brunsbüttel. „Elbaufwärts, Blexen, Sie stehen 100m südlich der Radarlinie. Abstand zur Tonne 77: 400m“

Jede noch so kleine Kursabweichung wird so vom Radarlotsen erkannt und umgehend über Funk weiter gegeben. Nach kurzer Zeit wechselt der Lotse Mario I. den Funkkanal. Jeder Radarlotse ist für einen bestimmten Bereich auf der Elbe zuständig. Die Schiffe werden so von Radarbildschirm zu Radarbildschirm weitergereicht und so die ganze Zeit sicher auf dem Weg über die Elbe beraten.

Der Blick aus den Fenstern der Brücke bietet einen gespenstischen Anblick. Ab und zu taucht das Licht des vorderen Mastes aus dem Nebel auf während auf beiden Seiten verschwommen die grünen und roten Lichter der Fahrwassertonnen zu erahnen sind. Der Blick des Lotsen wandert regelmäßig vom Kompass zum Radarschirm und zurück.

06:45 Uhr – Auf dem Weg nach Bützfleth
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Noch ca. eine halbe Stunde bis zum Erreichen des Hafens Bützfleth. Die Sicht ist immer noch sehr schlecht. Über Funk fragt Mario die Festmacher in Bützfleth nach der Sicht. „300m“ lautet die Antwort.

Von Hafen selbst ist noch nichts zu erkennen. Nur auf dem Radarschirm lässt sich das Hafenbecken und die Hafeneinfahrt erahnen. Der Lotse bespricht mit dem Kapitän die Situation. Sollte ein Anlegen auf Grund der Sicht nicht möglich sein, müsse man zunächst auf Reede gehen und warten, bis die Sicht besser wird. Der Kapitän informiert seine Crew.

07:10 Uhr
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Bis zum Hafen ist es nur noch knapp über eine Seemeile. Durch den Nebel sind schemenhaft ein paar Lichter zu erkennen. Über Funk erfahren wir, dass man uns vom Hafen aus noch nicht sieht.

07:16 Uhr
Der Hafen ist nur noch 0,4 Seemeilen entfernt. Zu sehen ist immer noch nichts. Gemeinsam entscheiden der Kapitän und der Lotse den Abbruch des Anlegemanövers. Über Funk wird die Verkehrszentrale und der Radarberater informiert und über die Verkehrslage befragt. Die Antwort: „Freie Fahrt“. Nur wenige hundert Meter vor der Hafeneinfahrt dreht die Blexen zurück ins Fahrwasser.

07:20 – auf den Weg zur Twielenfleth – Reede
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Mit Hilfe der Radarberatung wird die Blexen sicher in Richtung Twielenfleth-Reede gelotst die sich nur wenige Seemeilen weiter elbaufwärts befindet.

Um 07:43 fällt der Anker der Blexen und der Kapitän stoppt die Maschinen. Nun heisst es: warten. Per Telefon informiert Mario I. den Makler des Schiffes über die ungeplante Verzögerung.

08:15 Uhr
Inzwischen ist die Sonne augegangen und die Sicht wird zunehmend besser. Auf der Brücke bereitet der Kapitän das Hieven des Ankers vor. Mario I. nutzt die Zeit, um noch ein paar Formalitäten zu erledigen.

Wenige Minuten später verlässt die „Blexen“ die Twielenfleth-Reede und nimmt nach einem erneuten Queren des Fahrwassers wieder Kurs auf Bützfleth.

08:42 Uhr
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Hafen Bützfleth querab. Im Gegensatz zu vorher ist der Hafen nun deutlich zu sehen. Der Kapitän bereitet seine Crew auf das folgende Anlegemanöver vor. Auch die Festmacher stehen wieder bereit.

08:52 Uhr
Nachdem sich Mario I. über Funk und auf dem Radarschirm versichert hat, dass die Elbe frei ist, überquert die Blexen ein letztes Mal das Fahrwasser und nimmt Kurs auf das kleine Hafenbecken

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Ab jetzt wird das Schiff wieder aus der Nock gesteuert. Über Funk steht der Lotse mit den Festmachern in Verbindung. Mit ruhiger Hand steuert der Kapitän der Blexen das Schiff in Richtung Kaimauer und bekommt dabei ab und zu ein paar Hinweise vom Lotsen. Die Strömung beim Einlaufen in dieses Hafenbecken kann manchmal tückisch sein.

09:15 Uhr
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Die Blexen ist fest. Nach über 9 Stunden ist der Dienst für Mario I. damit zu Ende und er verabschiedet sich von der Besatzung der Blexen. Nach dem Verlassen des Schiffes geht es mit einem Taxi vom Hafen Bützfleth nach Hamburg zum Rüschpark, wo der Dienst am Abend zuvor begonnen hat.

Ähnlich wie am Taxistand funktioniert auch der Dienstplan der Elblotsen. Nach seiner Tour ist Mario I. nun wieder der letzte auf der Liste und wandert mit jedem Auftrag einen Schritt weiter nach vorne. Bis er nach einiger Zeit wieder die Nummer eins ist. Wann genau lässt sich nur schwer schätzen…